Sam Hanrath

„Ich bin so, wie ich sein soll, so, wie ich geschaffen wurde“

Räume der Begegnung und Offenheit

 

Mein Name ist Sam Hanrath, ich bin non-binär und befinde mich im Anerkennungsjahr meiner Erzieherausbildung bei der Evangelischen Kirche in Wesel. Diese Position ermöglicht es mir, täglich mit Jugendlichen zu arbeiten, Angebote für sie zu planen und sie in ihrem Alltag zu unterstützen. Dabei bin ich selbst Teil eines Prozesses, der zeigt, wie Kirche ein Ort der Begegnung und Akzeptanz sein kann – wenn sie sich dafür öffnet.

Jugendzentren: Prägung und Wiederentdeckung

Jugendzentren hatten schon früh eine prägende Rolle in meinem Leben. Als Kind war ich im Grundschulalter regelmäßig in einem Jugendzentrum, das von der Kirche getragen wurde. Doch mit dem Übergang auf die weiterführende Schule gerieten diese Besuche in den Hintergrund, da der schulische Alltag kaum Raum ließ.

Später, als ich mich für die Erzieherausbildung entschied, spielte diese frühe Erfahrung eine Rolle. Heute arbeite ich in drei Jugendzentren mit ganz unterschiedlichem Publikum – von Grundschulkindern bis hin zu jungen Erwachsenen. Es beeindruckt mich immer wieder, wie vielfältig diese Räume sind. Sie bieten nicht nur Platz für Freizeitgestaltung, sondern auch für Gespräche, Austausch und Unterstützung. Besonders wichtig ist, dass diese Jugendzentren als sichere Häfen dienen, in denen jede:r so sein kann, wie er oder sie ist.

Der „Here-and-Queer-Treff“: Vom Besucher zur Leitung

Ein entscheidender Wendepunkt auf meinem Weg war meine erste Begegnung mit dem „Here-and-Queer-Treff“. Dieser Treff, der von der Kirche unterstützt wird, bietet queeren Jugendlichen einen geschützten Raum, in dem sie einfach sie selbst sein können. Ich begann dort als Besucher: Es war einer der wenigen Orte, an denen ich mich mit anderen Menschen austauschen konnte, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Als ich mich später für die Ausbildung entschied, war dieser Treff ein wesentlicher Grund für meine Wahl des kirchlichen Trägers. Die Erfahrung, selbst in einem offenen und sicheren Raum akzeptiert zu werden, hat meinen Wunsch bestärkt, solche Räume für andere mitzugestalten. Als sich die Gelegenheit ergab, die Leitung des Treffs zu übernehmen, zögerte ich nicht.

Der Treff ist genau für solche Zwecke gedacht: Er bietet einen geschützten Raum, auch wenn mal wochenlang niemand kommt. Wichtig ist, präsent zu sein – für den Fall, dass jemand Redebedarf hat oder einfach einen sicheren Ort benötigt, um mit Gleichgesinnten zu sprechen. Wir haben Besucher:innen, die 20 Jahre alt sind, und andere, die gerade erst 14 sind. Es geht darum, zuzuhören, zu unterstützen und einfach da zu sein. Diese Anlaufstelle ist ein Raum für gegenseitigen Austausch und Hilfestellung. Hier geben wir uns gegenseitig Tipps, z.B. „Wie ist meine Namensänderung abgelaufen?“, „Wie habe ich das durchgemacht?“, „Was brauchst du dafür?“ und „An wen kannst du dich am besten wenden?“ Und haben so eine Gruppe, die sich wirklich komplett gegenseitig unterstützt. Genau so einen Ort hätte ich mir in meiner Jugend gewünscht. Damals hatte ich niemanden, mit dem ich über meine Gefühle und Erfahrungen sprechen konnte, und es fehlte an einer Anlaufstelle, die Verständnis und Unterstützung bot.

Ein besonders eindrucksvolles Erlebnis hatte ich mit einem jungen trans Mann, der anfangs sehr zurückhaltend war. Während eines Treffens sprach er kaum, doch nachdem ein anderer Teilnehmer und ich über unsere eigenen Geschichten erzählt hatten, blühte er auf. Plötzlich erzählte er von seinen Hobbys, seinen Gefühlen und davon, wie lange er sich schon so fühlte, wie er ist. Er war mit einer Begleitperson gekommen, die später sagte, wie schön es sei, ihn so lebhaft und offen zu erleben. Das war einer dieser Momente, in denen ich dachte: Genau dafür machen wir das – für diese Augenblicke der Stärke und des Aufblühens, die zeigen, wie wichtig solche Anlaufstellen sind.

Meine Transition

Meine Namensänderung erlebte ich kurz vor meinem 19. Geburtstag. Das Amt war so freundlich, ein paar Überstunden zu machen, um mir die Urkunde pünktlich als Geburtstagsgeschenk zu überreichen. Das hat mich schon sehr berührt.

In dieser Zeit arbeitete ich in meinem FSJ ich in einer Kita. Dort stand ich dann vor der Herausforderung, meinen Namenswechsel zu erklären – sowohl den Kindern als auch den Eltern. Wir haben uns dann geeinigt, dass ich die Kinderpflege-Ausbildung noch unter meinem alten Namen zu Ende führe und dann mit dem Start in das darauf anschließende Praktikum mit dem neuen Namen starte. Und dann haben wir das den Kindern komplett offen erklärt, warum ich jetzt anders heiße. Für die Kinder war es total einfach und keine große Sache. „Okay, gut, dann heißt du jetzt Sam“. Damit war das Thema dann für sie auch direkt abgeschlossen.

Ein besonders bewegender Moment war die darauffolgende Begegnung mit einem Vater, der mich ansprach, nachdem sein Kind ihm von meiner Namensänderung erzählt hatte. Er erklärte, dass er zu Hause eine Tochter habe, die als Junge geboren wurde. Sie habe sich erst mit 16 Jahren getraut, ihm davon zu erzählen, obwohl sie bereits seit vielen Jahren wusste, dass sie trans ist. Der Vater dankte mir für die Offenheit in der Kita und sagte, er wünschte, seine Tochter hätte schon früher solche positiven Erfahrungen machen können. Diese Rückmeldung hat mich tief berührt und mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, Räume für Offenheit und Akzeptanz zu schaffen – nicht nur für die Kinder, sondern auch für ihre Familien.

Am Anfang, als ich noch selber in der Findungsphase war, war mir selber nicht ganz klar, wer ich eigentlich jetzt überhaupt bin. Aber mittlerweile fühle ich mich da sehr wohl und sage einfach, ich bin so, wie ich sein soll, so, wie ich geschaffen wurde. Und das anderen mitzugeben ist mir auch sehr wichtig: Dass man einfach so sein darf, wie man ist, und sich so akzeptieren kann, wie man ist. Man ist genau so, wie Gott einen geschaffen hat, genau so, wie Gott einen haben möchte.

Zu Beginn meiner Ausbildung fragte ich mich jedoch: „Darf ich überhaupt für die Kirche arbeiten?“ Ich hatte Zweifel, ob ich als non-binäre Person akzeptiert werden würde. Doch diese Zweifel wurden schnell ausgeräumt. Schon in meinem Praktikum wurde ich mit offenen Armen empfangen, und die Mitarbeitenden fragten mich direkt, wie ich angesprochen werden möchte. Diese Offenheit hat mir gezeigt, dass ich hier richtig bin.

Viele Menschen sind skeptisch, ob die Kirche tatsächlich ein sicherer Ort für queere Personen sein kann. Das erste Bild, das viele haben, ist, dass die Kirche gegen Vielfalt und Akzeptanz eingestellt sei. Auch ich hatte dieses Klischee im Kopf und war unsicher, ob ich dort wirklich arbeiten könnte. Doch meine Erfahrungen haben mich eines Besseren belehrt. Alle, mit denen ich bisher gearbeitet habe, waren unglaublich unterstützend und darauf bedacht, eine offene und wertschätzende Atmosphäre zu schaffen. Diese Akzeptanz war für mich ein starker Beweis dafür, dass Wandel möglich ist.

Eine prägende Erfahrung während meiner Tätigkeit war ein intensives Gespräch mit einem meiner Chefs. Es begann mit der Diskussion über eine Antragstellung für zusätzliche Gelder für den „Here-and-Queer-Treff“, da nicht alle Kosten von der Kirche allein getragen werden können. Während dieses Gesprächs sprachen wir über viele persönliche Themen: meinen Werdegang, die Reaktionen meiner Familie und Freunde auf meinen Weg und die Herausforderungen rund um meine Namensänderung. Dieses Gespräch dauerte fast eine halbe Stunde und war für mich eine wichtige Bestätigung dafür, wie sehr meine Arbeit und meine Identität geschätzt werden. Es zeigte mir, wie viel Offenheit und echtes Interesse in meinem Arbeitsumfeld herrschen.

Der Umgang mit Hass

Vor einigen Jahren erlebte ich eine der verletzendsten Begegnungen meines Lebens – im Internet. Jemand hinterließ einen Kommentar, der besagte, dass Menschen wie ich vergast gehören. Diese Worte haben sich mir eingebrannt. Es war das erste Mal, dass ich so direkt mit Hass konfrontiert wurde, und es traf mich hart.

Doch meine Eltern standen mir bei. Sie sagten mir: „Du weißt, dass du ein Daseinsrecht hast. Lass solche Kommentare nicht an dich heran.“ Sie erklärten mir, dass Menschen, die solche Dinge schreiben, oft einfach einen Ort suchen, um ihren eigenen Frust abzulassen. Diese Perspektive hat mir geholfen, solche Angriffe mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Seitdem versuche ich, ruhig zu bleiben, selbst wenn es innerlich brodelt.

Ich habe gelernt, dass es entscheidend ist, nach außen hin gefasst zu bleiben. Wenn man keine sichtbare Reaktion zeigt, verlieren die Menschen, die solche Kommentare abgeben, oft schnell das Interesse. Es ist eine Haltung, die nicht immer leichtfällt, aber sie hat mir geholfen, schwierige Situationen zu meistern. Diese Lektion möchte ich weitergeben: Die Fähigkeit, ruhig und stark zu bleiben, kann Angriffe ins Leere laufen lassen.

Als non-binäre Person stehe ich häufig vor der Frage, wie ich angesprochen werden möchte. Im Deutschen fehlen geschlechtsneutrale Pronomen, was die Kommunikation erschwert. Diese sprachliche Herausforderung zeigt, wie viel noch getan werden muss – sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb der queeren Community.

Denn auch in der Community gibt es Spannungen. Nicht jede:r fühlt sich gleichermaßen anerkannt, und es entstehen Konflikte darüber, wer dazugehört und wer nicht. Dennoch bin ich überzeugt, dass Gespräche und der Wille zur gegenseitigen Unterstützung Brücken bauen können.

Die Rolle der Kirche: Räume schaffen

Die Kirche hat das Potenzial, ein Ort der Vielfalt zu sein, aber es gibt noch Vorurteile, die abgebaut werden müssen. Viele Menschen sind skeptisch, ob die Kirche tatsächlich ein sicherer Ort für queere Personen sein kann. Meine Erfahrungen zeigen jedoch, dass Wandel möglich ist. Die Jugendzentren, in denen ich arbeite, sind sichtbare Beispiele dafür, wie Kirche Vielfalt aktiv unterstützen kann. Regenbogenflaggen und queere Treffpunkte sind mehr als nur Symbole – sie sind Zeichen der Solidarität und Offenheit.

Besonders wichtig ist es, dass Menschen, die selbst bestimmte Erfahrungen gemacht haben, als Fürsprecher:innen agieren. Sie können authentisch von ihren Erlebnissen berichten und anderen Mut machen. Die Kirche sollte solche Begegnungen fördern und Plattformen schaffen, die den Austausch erleichtern.

Die Arbeit in der Kita und den Jugendzentren hat mir gezeigt, wie entscheidend es ist, Räume zu schaffen, in denen Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern gefeiert und gelebt wird. Besonders junge Menschen brauchen sichere Häfen, in denen sie sich entfalten können. Es sind Orte, an denen Gemeinschaft entsteht und echte Begegnungen möglich werden.

Die Kirche hat hier eine große Chance. Sie muss mutig sein, ihre Türen weiter zu öffnen und aktiv Zeichen der Unterstützung zu setzen. Gespräche, sichere Räume und echte Begegnungen sind der Schlüssel zu einer lebendigen Kirche – einer Kirche, die Vielfalt lebt und Hoffnung schenkt.

Mein Weg hat mir gezeigt: Veränderung beginnt bei uns selbst. Es sind die kleinen Schritte, die den Unterschied machen. Und ich bin dankbar, Teil eines Prozesses zu sein, der zeigt, wie Kirche ein Ort der Akzeptanz und des Miteinanders sein kann. „Weiter so“ ist meine Botschaft an die Kirche – mit Offenheit, Mut und dem festen Glauben daran, dass jeder Mensch genau so von Gott gewollt und geliebt ist.

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