Dieter Schütte

„Wir sind heute noch nicht da, wo wir längst hätten sein müssen.“ 

Vom unfreiwilligen Outing zum Wegbereiter

Mein Name ist Dieter Schütte, ich bin Superintendent im Ruhestand und habe in meiner Laufbahn vieles erlebt, was mein Leben und meinen Glauben nachhaltig geprägt hat. In meinen späten Dreißigern, als vierfacher Vater und verheirateter Pfarrer, wurde ich unfreiwillig geoutet. Dieser Schritt, der nicht aus eigener Entscheidung geschah, zog tiefgreifende Konsequenzen nach sich. Die Landeskirche leitete ein Disziplinarverfahren gegen mich ein, das offiziell auf angeblichem Fehlverhalten beruhte, tatsächlich jedoch meine Homosexualität als Grund hatte. Die Situation in meiner Gemeinde war zwiegespalten: Während einige mich unterstützten und sich demonstrativ auf die Kirchentreppe setzten, um meinen Verbleib zu fordern, verlangten andere meinen Rücktritt. Letztlich wurde eine Einigung erzielt, und ich verzichtete freiwillig auf meine Pfarrstelle und wurde in den Wartestand versetzt. Ich bestand darauf, zukünftig nur noch unter voller Offenheit über meine Lebenswirklichkeit zu arbeiten.

Ein Neuanfang in der Telefonseelsorge

Nach meinem Weggang begann ich 1992 eine neue Aufgabe als Leiter der Telefonseelsorge am Niederrhein. Diese Position, die zunächst keine offizielle Pfarrstelle war, bot mir die Möglichkeit, mich für Menschen in schwierigen Lebenssituationen einzusetzen. In meiner Zeit bei der Telefonseelsorge habe ich über 100 Ehrenamtliche begleitet und ausgebildet. Diese Arbeit war mehr als nur eine Aufgabe; sie war ein Prozess, bei dem es mir immer um den Menschen in seiner Wirklichkeit ging. Das Ziel war, Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit zu akzeptieren, sie zu stärken und sie zum Glauben zu ermutigen. Dies war der Kern meines theologischen Handelns: Die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und ihnen in schwierigen Momenten Halt zu geben.

Mich hat stets das seelsorgliche Miteinander aufrechterhalten, vor allem das Gefühl, anderen Kraft geben zu können. Diese Arbeit hatte immer auch eine Rückwirkung auf mich selbst. Es war mir wichtig, dass Seelsorge nicht nur als Pflicht verstanden wird, sondern als Gelegenheit, echtes Mitgefühl und Unterstützung zu zeigen.

Ein einschneidender Moment in meiner Laufbahn war meine Einladung zur Sendung „Fliege“. Unter dem provokanten Titel „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“ wurde ich eingeladen, über mein Leben und meine Arbeit zu sprechen. Dabei war es mir wichtig, deutlich zu machen, dass es nicht darum geht, „ungeniert“ zu leben, sondern authentisch. Ich wollte zeigen, dass mein Outing ein Ausdruck meines echten Selbst war, ohne Scham und mit großem Selbstbewusstsein für meine Lebensweise einzustehen. Diese Authentizität sollte jedoch nicht als Provokation verstanden werden, sondern als Einladung, das Leben ehrlich und im Einklang mit sich selbst zu führen. Authentisch zu leben bedeutet, sich mit Selbstachtung und Würde zu zeigen und dabei Vorurteile abzubauen. Und dass ich mein Outing jetzt nicht so verstehe, dass ich jetzt machen kann, was ich will, sondern dass ich eigentlich nur ich sein will.

Belastende Erfahrungen und persönliche Angriffe

Meine Rolle als einer der wenigen offen geouteten schwulen Pfarrer brachte es mit sich, dass ich oft als Sprecher für queere Themen innerhalb der Kirche auftrat. Da, wo es darum ging, in der Öffentlichkeit aufzutreten, ohne Sanktionen befürchten zu müssen, war ich natürlich derjenige, der am wenigsten zu befürchten hatte, weil ich dies ja schon hinter mir hatte.

Mein Mann und ich reisten beispielsweise durch die Gemeinden, um das Thema Homosexualität zu thematisieren und Gespräche anzustoßen. Doch nicht alle Begegnungen waren positiv. Ich erinnere mich an einen Presbyter, der uns öffentlich als „vom Teufel besessen“ bezeichnete. Solche Angriffe waren verletzend, doch ich konnte mich auf die Unterstützung meines Mannes und vieler Einzelpersonen verlassen, die mich ermutigten, weiterzumachen. Diese Solidarität half mir, auch schwierige Situationen zu bewältigen und mich für Vielfalt und Akzeptanz einzusetzen.

Eine schmerzhafte Erfahrungen war, dass ich in meiner ehemaligen Gemeinde nicht mehr predigen durfte. Der damalige Superintendent des Kirchenkreises, ein erklärter Gegner meiner Person, setzte ein Predigtverbot gegen mich durch. Trotzdem bat mich eine Familie, die mir sehr nahe stand, den Schwiegersohn zu beerdigen, der Suizid begangen hatte. Diese Bitte war für mich ein Akt des tiefen Vertrauens. Um sicherzugehen, dass ich in dieser Ausnahmesituation korrekt handelte, stimmte ich mich mit meinem Nachfolger ab, der als Vakanzvertreter rechtlich für die Gemeinde zuständig war. Er erteilte mir die Erlaubnis, und ich führte die Bestattung durch. Später wurde mir dennoch von der Landeskirche vorgeworfen, unrechtmäßig gehandelt zu haben, obwohl ich die erforderliche Genehmigung eingeholt hatte.

Ein weiteres Beispiel war ein Paar aus meiner alten Gemeinde, das mich ausdrücklich bat, ihre Trauung zu übernehmen. Da ich in der Kirche vor Ort nicht mehr tätig sein durfte, organisierten wir dann die Trauung in einer Düsseldorfer Gemeinde.

Meine letzte Trauung war die einer transsexuellen Frau mit ihrer Partnerin. Im Kirchenkreis gab es erhebliche Diskussionen und Vorbehalte. Viele befürchteten, dass der Anlass zu einem öffentlichen „Event“ oder einer Demonstration werden könnte, begleitet von medialer Aufmerksamkeit. Diese Sorge spiegelte die Unsicherheit wider, mit der ein solches Ereignis damals noch betrachtet wurde. Letztendlich war es mir wichtig, zu verdeutlichen, dass es sich um einen würdigen und angemessenen Gottesdienst handelte, der keine Plattform für Sensationen bieten würde. Dies war eine Erfahrung, die erneut zeigte, wie stark Vorurteile noch verankert sind und wie wichtig es ist, mutig und besonnen für die Akzeptanz aller Menschen einzustehen.

Diese Erlebnisse verdeutlichen die institutionelle Ausgrenzung, der ich ausgesetzt war. Dennoch erhielt ich kontinuierlich Unterstützung von Menschen, die meine Arbeit schätzten und mir ihr Vertrauen entgegenbrachten. Auch die Superintendenten der Kirchenkreise Dinslaken und Wesel sahen kein Problem darin, wenn ich Amtshandlungen auf Wunsch der Menschen durchführte.

Ich habe meine Rolle immer so verstanden: Ich lebe meine Situation selbstverständlich. Nicht provozierend, aber auch nicht versteckt oder aufgesetzt, sondern ganz natürlich. Seit 1993 lebe ich mit meinem Mann zusammen, und 2001 haben wir, als die gesetzlichen Bestimmungen es erlaubten, unsere Lebenspartnerschaft gegründet. Auf der Landessynode habe ich mich vehement dafür eingesetzt, dass der Versorgungsausgleich auch für schwule Lebenspartnerschaften in unserer Landeskirche rechtsgültig wird. Es war ein kontroverses Thema, da viele in der Kirche darauf warten wollten, dass der Staat entsprechende Regelungen erlässt. Doch ich war der Überzeugung: Wenn wir als Kirche glauben, dass es richtig ist, dann müssen wir handeln und nicht auf andere warten. Diese Haltung hat schließlich zu einem entsprechenden Personalbeschluss geführt.

„Das ist von Gott nicht gewollt“

Die Aussage „Das ist nicht gottgewollt“ habe ich nie akzeptieren können. Doch diese Worte habe ich oft zu hören bekommen. Gerade in konservativen kirchlichen Kreisen heißt es bis heute: „Das kann nicht von Gott gewollt sein.“ Oder auch „Das ist unnatürlich.“ Für mich war immer klar: Ich maße mir nicht an, zu wissen, was Gott gewollt hat. Ich weiß nur, dass Gott das Böse nicht gewollt hat.

Auf mich persönlich bezogen habe ich mich nie als nicht akzeptiert von Gott gefühlt. Von Anfang an, auch in meiner Jugend und während meiner Arbeit in der Jugendarbeit, war mein oberstes Prinzip: Mein Gegenüber ist genauso ein gewolltes Geschöpf wie ich selbst. Dieses Bewusstsein habe ich mir durch meine ganze tägliche Arbeit bewahrt und danach auch gehandelt oder versucht zu handeln. Gerade in der Zeit, in der ich von kirchlichen Vertretern angefeindet wurde, gab mir dieser Glaube den entsprechenden Rückhalt.

Kirchenordnung ist für mich ein Hilfsmittel, um das Zusammenleben von Menschen zu erleichtern, nicht zu erschweren. Überall dort, wo sie dieses Ziel verfehlt, habe ich sie abgelehnt. Mit welchem Recht entwickeln wir eine Ordnung, die Menschen einengt und ihre Freiräume manchmal zerstört? Diese Fragen habe ich mir oft gestellt, denn ich habe es zu häufig erlebt, wie Ordnungen missbraucht wurden, um Menschen zu diskriminieren oder auszugrenzen. Stattdessen sollten Menschen so wenig wie möglich in ihrem Sein eingeengt sein. Es sollte eher darum gehen, sie zu einem Miteinander zu ermutigen und dazu, füreinander einzustehen. Gerade in meiner Arbeit im Bereich der Schwulenbewegung war das ein zentraler Punkt: Menschen zu ermutigen, zu sich selbst zu stehen und mutig sowie mit Freude nach vorne zu gehen.

Widerstand war für mich immer auch eine Stärkequelle, weil er mich dazu zwang, mich zu reflektieren, und ich mich dann klar positionieren wollte und musste. Diese innere Stärke hat mir geholfen, auch in schwierigen Zeiten standhaft zu bleiben. Doch trotz aller positiven Entwicklungen sehe ich die langsamen Fortschritte der Kirche kritisch. Wir sind noch lange nicht da, wo wir längst hätten sein müssen. Die Kirche propagiert oft, nah bei den Menschen zu sein, doch diese Nähe fehlt vielerorts. Es mangelt an echtem Zuhören und an der Bereitschaft, auf die Lebensrealitäten der Menschen einzugehen. Vielfalt wird häufig nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung wahrgenommen.

Meine Vision: Zuhören, Miteinander gestalten und nah beim Menschen sein

Meine Vision für die Kirche ist eine Gemeinschaft, die alle Menschen bedingungslos annimmt. Innerhalb der Kirchen und Gemeinden sollten alle Menschen so akzeptiert werden, wie sie sind. Das Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ muss mehr als nur eine leere Phrase sein. Zu oft stelle ich fest, dass diejenigen, die lieben sollen, dafür Bedingungen aufstellen.

Es geht darum, wirklich zuzuhören, ohne voreilige Urteile oder Assoziationen. Genau das schreiben wir Christen uns auf die Fahnen, aber im Alltag fällt es oft schwer, das auch umzusetzen. Verunsicherung, Bequemlichkeit oder Angst stehen häufig im Weg. Doch das darf kein Hindernis sein, es trotzdem zu versuchen – auch wenn das Scheitern eine Möglichkeit bleibt.

Seit Jahren wird propagiert, die Kirche sei nah bei den Menschen. Doch ehrlich gesagt vermisse ich das oft. Mein Wunsch ist, dass die Kirche tatsächlich nah bei den Menschen ist. Sie sollte nicht nur formale Dinge tun oder versorgungstechnisch arbeiten, sondern die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort wahrnehmen.Viele Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach einem Miteinander und danach, irgendwo mit ihren Fragen nach dem Sein und nach Gott anzukommen.

Die Kirche sollte nicht nur selbstverständlich agieren, denn selbstverständliches Handeln kann manchmal auch gedankenlos sein. Stattdessen muss sie Barrieren abbauen und bedingungslose Liebe vorleben. Nur wenn ein Miteinander ohne Einschränkungen entsteht, öffnen wir die Türen für alle – auch für diejenigen, die sonst unbewusst ausgeschlossen werden.

Meine Botschaft an die Kirche lautet: Entwickeln wir eine Kultur des Zuhörens, des Wahrnehmens und des Miteinanders. So können wir die tiefe Sehnsucht nach Nähe, Liebe und Annahme erfüllen und die Kirche zu einem echten Ort der Begegnung machen.

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