Mirko Lipski-Reinhardt

„Ich bin hier genau richtig.“
Mein Leben als queerer Pfarrer auf dem Land

Mein Name ist Mirko Lipski-Reinhardt, ich bin Pfarrer in der Kirchengemeinde Hünxe, einer ländlichen Gegend am Rande des Ruhrgebiets. Hier leben Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen – von alten Bergleuten bis zu Landwirten – und das macht meine Arbeit unglaublich spannend. Doch mein Weg hierhin war nicht immer leicht.

Ich bin in Mülheim an der Ruhr geboren und als klassisches Pfarrerskind aufgewachsen. Meine Mutter war Pfarrerin und meine Kindheit war tief in der Kirche verwurzelt: Kinderchor, Orgelunterricht und die Mitarbeit in der Öffentlichkeitsarbeit prägten meine Jugend.

Nach meinem Abitur war es ein fantastischer Religionslehrer in der Oberstufe, der meine Leidenschaft für die Theologie weckte. Seine Art, über Glauben zu sprechen, inspirierte mich, selbst Theologie zu studieren. Doch der Beginn meiner Studienzeit fiel in eine Phase, in der die Kirche noch weitaus weniger offen war, als sie es heute ist. 2007, als ich begann, Theologie zu studieren, hätte ich mir nie vorstellen können, offen mit meiner Homosexualität umzugehen. Ich habe letztens noch bei einer Veranstaltung mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Kirchenkreis Sätze aus Verlautbarungen der Landeskirche und der EKD aus dieser Zeit vorgelesen. Und da sind einige echt vom Stuhl gefallen, als sie gehört haben, was unsere Kirche noch vor 20 Jahren so von sich gegeben hat.

Ich wohnte im kirchlichen Wohnheim und hielt meine Identität für mich. In meinem Auslandsjahr in Oslo war ich dann in einem Kontext, der sehr konservativ geprägt war. Hier war klar: gelebte Homosexualität ist Sünde. Erst Jahre später, in meinen Zwanzigern, outete ich mich – zunächst privat, dann in der kirchlichen Gemeinschaft. Es war ein langer Prozess, der Mut erforderte, doch es hat sich gelohnt. In meiner jetzigen Gemeinde erfahre ich, wie sehr sich die Kirche gewandelt hat. Heute bin ich Teil eines Schützenvereins, in dem ich mit meinem Mann als Paar selbstverständlich akzeptiert werde.

Rückblickend denke ich oft daran, wie schwierig es während meines Studiums war, meine Identität mit meinem Glauben zu vereinen. Ich stellte mir oft die Frage: „Kann ich beides sein? Homosexuell und Teil der Kirche?“ Die Antwort darauf fand ich erst nach vielen Gesprächen, Zweifeln und der Erkenntnis, dass ich nicht der Einzige bin, der diesen Weg geht. Ich lernte Menschen kennen, die ähnliche Erfahrungen machten, und diese Verbindungen gaben mir Kraft.

Willkommen schaffen

Ich bin unglaublich gerne Landpastor, ich möchte überhaupt nicht in die Stadt zurück. Als Pfarrer in einer ländlichen Gemeinde erlebe ich immer wieder besondere Momente. Eine der schönsten Erfahrungen war eine Trauung, bei der ein Zwillingspaar gleichzeitig heiratete – die eine Schwester heiratete ihre Frau, die andere ihren Mann. Es wurde ein großes Dorffest. Und viele Menschen aus deren Freundeskreisen, die vorher absolut keine Berührungspunkte mit Kirche hatten, haben Kirche in diesem Setting erlebt. Man darf nicht unterschätzen, wieviel Positives das nach sich gezogen hat, weil es deutlich macht, wie normal und schön es ist, wenn unterschiedliche Lebensrealitäten nebeneinander existieren Diese Trauung hat mir gezeigt, wie Kirche durch ihre Offenheit neue Räume schaffen kann.

Doch auch kleinere Begegnungen berühren mich tief. In diesem Jahr habe ich am CSD in Köln teilgenommen und bin bei der Queeren Kirche mitgelaufen. Ein Mann sprach mich dort an, mit Tränen in den Augen, und sagte: „Es tut so gut zu sehen, dass Kirche hier mit dabei ist und dass ihr da seid.« Solche Momente bestärken mich darin, dass meine Arbeit wichtig ist und dass ich hier genau richtig bin.

Eine beliebte Frage, die mir oft in Taufgesprächen gestellt wird, ist, ob ich Kinder habe. Manchmal, wenn es der Kontext erlaubt hat, habe ich dann gesagt „Na, die Pille haben wir abgesetzt, es passiert aber einfach nichts“. Oder ich sage: „Wir sammeln gerade Patenkinder.“ Mit drei Patenkindern fühlen wir uns bereits bereichert, ohne die Verpflichtung, selbst Eltern zu sein. Diese humorvolle Herangehensweise hilft, sensible Themen anzusprechen, ohne sich unter Druck setzen zu lassen. Es zeigt auch, dass nicht alle Lebensentwürfe gleich aussehen müssen, um erfüllend zu sein.

Ein weiteres Highlight war ein Erntedankfest in unserer Gemeinde. Es war einer dieser goldenen Herbsttage, und die ganze Gemeinde hatte sich auf dem Hof einer Familie versammelt, um gemeinsam zu feiern. Es gab frisches Brot, Obst aus dem Garten und einen improvisierten Altar aus Heuballen. In meiner Predigt sprach ich über Dankbarkeit und das Geschenk der Gemeinschaft. Später kam eine ältere Frau auf mich zu und sagte: „Sie sind der erste Pfarrer, bei dem ich mich wieder willkommen fühle.“ Das war einer dieser Momente, in denen ich wusste, warum ich diesen Beruf gewählt habe.

Im Gespräch bleiben

Vor ein paar Jahren hat der Vatikan ein Nein zu gleichgeschlechtlichen Ehen erneut bekräftigt. Daraufhin meldete sich die lokale NRZ bei mir, um einen Bericht über meine Sichtweise zu machen. Der Artikel, der eine halbe Seite im Lokalteil einnahm, war eine spannende Erfahrung. Er führte dazu, dass Menschen, die den Bericht lasen, mich kontaktierten – teilweise für Seelsorgegespräche. Das direkte Feedback war größtenteils positiv, und viele fanden es ermutigend, dass ich offen über meine Erfahrungen sprach. Dennoch habe ich schnell gelernt, Kommentare auf Facebook oder anderen Plattformen zu meiden, da diese oft verletzend sein können. Es war eine wertvolle Lektion: Man muss sich auf die positiven Begegnungen konzentrieren und Negatives bewusst ausblenden.

Bei meiner kirchlichen Trauung erlebte ich einen ganz besonderen Moment. In der Gemeinde, die eine aktive Flüchtlingsarbeit betreibt, hörten einige Geflüchtete, dass zwei Männer heiraten würden. Das waren Syrer und Afghanen, ich weiß es gar nicht alles, welche Nationalitäten genau dabei waren. Und dann kamen so sechs oder sieben von denen und saßen hinten bei unserer kirchlichen Trauung und guckten sich das an. Eben, weil sie das nicht glauben konnten, dass das wirklich passiert. Nachher haben sie uns alles Gute gewünscht und gingen dann wieder. Und genau das ist so richtig und wichtig daran: Man muss diese Normalität dann auch einfach an den Menschen bringen. Es reicht nicht, über Akzeptanz zu sprechen – man muss sie auch leben und zeigen.

Natürlich gab es auch schwierige Momente. Vielleicht zwei oder dreimal ist mir mal eine Beerdigung verweigert worden, weil der Verstorbene nicht von einem homosexuellen Pfarrer beerdigt werden wollte. Auch hier hat mir geholfen, im Gespräch zu bleiben und mittlerweile bin ich mit einigen der Familien in einem sehr guten Kontakt.

Vielleicht ist auch die Mitgliedschaft im Schützenverein ein gutes Beispiel. Mein Mann und ich sind da beide Mitglieder. Da hat’s mal den einen oder anderen Spruch am Anfang gegeben, die sind aber schnell von den anderen eingenordet worden. Hier habe ich irgendwie gelernt: einfach nur machen. Und wenn’s mal ein bisschen Gegenwind gibt, und bei uns war das zum Glück nur ein kleines Lüftchen, dann einfach auch weitermachen. Jetzt ist das so, wenn mein Mann und ich mal bei einer Parade nicht nebeneinander herlaufen, werden wir sofort gefragt, ob wir Streit haben.

„Macht weiter so, bleibt in Bewegung und lasst euch nicht entmutigen!“

Es gibt leider immer noch Menschen, die deutlich mehr Gegenwind erfahren als ich. Ich hatte das Privileg, Kirche in neun von zehn Fällen als Safer Space zu erleben. Doch für viele andere ist das nicht der Fall. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns vernetzen und diese sicheren Räume erweitern. Das gilt nicht nur für die evangelische Kirche, sondern auch für andere Konfessionen. Es braucht Orte, an denen Vielfalt nicht nur toleriert, sondern gefeiert wird.

In meiner Arbeit im Beirat der Stabsstelle Vielfalt und Gender habe ich gelernt, wie wichtig Netzwerke sind. Online-Strukturen können dabei helfen, Informationen und Angebote gezielt in die queere Community zu tragen. Doch es braucht auch vor Ort präsente Angebote. Niemand sollte gezwungen sein, stundenlang zu reisen, um an einem queeren Bibelabend teilzunehmen. Vielfalt muss an vielen Orten sichtbar und zugänglich sein.

Kirche muss sich bewusst sein, dass die Arbeit für Akzeptanz nie abgeschlossen ist. Es ist kein Thema, das wir für fünf Jahre behandeln und dann abhaken können. Genau wie Frauen- oder Männerarbeit ein fester Bestandteil kirchlicher Strukturen ist, sollte auch queere Arbeit als solches etabliert werden. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen, Strukturen zu stärken und Menschen zu verbinden. Denn nur so können wir dafür sorgen, dass Kirche für alle ein sicherer Ort wird.

Was ich queeren Menschen und der Kirche mitgeben möchte, ist: Lasst euch nicht entmutigen. Kirche kann ein sicherer Ort sein, ein „Safe Space“. Es braucht Menschen, die daran glauben und sich vernetzen, um diese Räume zu schaffen. Und für die Kirche selbst gilt: Bleibt in Bewegung. Ruht euch nicht auf dem Erreichten aus, sondern schafft Strukturen, die Vielfalt leben und sichtbar machen.

Ich bin stolz darauf, Teil einer Kirche zu sein, die sich wandelt. Meine Arbeit zeigt mir jeden Tag, dass es möglich ist, Glauben und Vielfalt zu verbinden – und ich bin bereit, weiter daran zu arbeiten, dass dies noch selbstverständlicher wird.