„Ich bin, und siehe, es ist gut so“
Brücken bauen und verschiedene Welten verbinden
“Ich bin, und siehe, es ist gut so.“ Mit diesem Satz aus Genesis beschreibe ich mich gerne. Ich heiße Dagmar Sanjana Kohnen, bin transgender und bin aktuell Presbyterin in meiner Gemeinde. Ursprünglich katholisch aufgewachsen, habe ich in jungen Jahren Fragen gestellt, die unbeantwortet blieben. Fragen, die mir bei meiner Firmung klar machten, dass ich diesen Weg nicht aus Überzeugung gehen konnte. Doch der Glaube an etwas Größeres begleitete mich weiter, auch wenn die institutionelle Kirche lange keine Heimat für mich war. Es war ein langer Prozess, zu erkennen, dass Spiritualität und Institution nicht immer Hand in Hand gehen müssen, und dass der Glaube einen eigenen Raum finden kann.
Nach meiner Transition fand ich einen Ort, an dem ich so angenommen wurde, wie ich bin. Es war eine evangelische Gemeinde, die nicht fragte, ob ich lesbisch oder transgender sei. Es zählte nur, dass mein Herz am rechten Fleck ist. Diese Offenheit und Warmherzigkeit halfen mir, dort Fuß zu fassen – sei es beim Chorsingen, wo ich mit Mut Bass sang, oder bei kleinen handwerklichen Projekten, mit denen ich half. Hier konnte ich Mensch sein. Besonders eindrücklich war für mich der Moment, als ich gefragt wurde, ob ich nicht im Gottesdienst eine Lesung übernehmen möchte. Es war ein Zeichen des Vertrauens, das mich tief berührte.
Auch meine Frau fand hier ihre eigene Rolle. Mit einer tiefen Stimme, die in den Tenor passt, fand sie im Chor ihre Stimme. Wir beide spürten: Diese Gemeinde sieht uns als Menschen mit unseren Talenten und unserer Geschichte. Es war das erste Mal, dass ich erlebte, wie Kirche Raum schaffen kann, ohne zu bewerten.
„Gott allein kennt dein wahres Inneres“
Der Weg zu mir selbst war hart. „Wenn Gott gewollt hätte, dass du eine Frau bist, wärst du als Frau geboren worden,“ hörte ich oft. Doch für mich bedeutete dieser Satz nicht das Ende des Gesprächs, sondern den Anfang einer tiefen Reflexion. Auf so etwas habe ich dann ganz klar und ruhig geantwortet: Gott wollte, dass ich transgender bin. Gott hat mir nicht nur eine Welt, sondern zwei Welten geschenkt. Ich kenne das Leben als Mann und als Frau und kann durch diese Erfahrung Brücken bauen. Diese Erkenntnis, dass Gott mich genauso schuf, wie ich bin – mit meinen Anteilen von Männlichem und Weiblichem – gab mir immer wieder die Kraft, weiterzumachen. In der Bibel steht ja „nehmt euer Kreuz auf euch und folgt mir nach“. Und dieser sehr schwere Weg, den ich gegangen bin, das ist für mich das Kreuz, was ich auf mich genommen habe, um zu versuchen, zwischen den Welten zu vermitteln. Und Gott war immer an meiner Seite und hat mir geholfen, dieses Kreuz zu tragen.
Ein besonders prägender Moment ereignete sich an einem Frühlingstag. Ich hatte mich bemüht, mich so weiblich wie möglich zu kleiden, mich geschminkt und zurechtgemacht, um einfach einmal die Sonne auf meiner Haut zu spüren und einen schönen Tag als Frau zu genießen. Doch trotz aller Mühe bemerkten die Menschen schnell, dass ich nicht in ihr Bild passte. Einige Leute riefen mir böse hinterher: „Gott allein kennt dein wahres Inneres.“ Ich drehte mich um und sagte ruhig und bestimmt: „Danke, wenigstens einer.“ Und dieser Spruch hat mich dann auch getragen und wandelte sich für mich zu einer Botschaft der Stärke. Es wurde zu einem Leitsatz, der mich bis heute begleitet: Ja, Gott allein kennt mich, weiß, wer ich wirklich bin, und das genügt.
Auch Jesaja 43,1 hat mich tief berührt: „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Diese Worte wurden für mich zu einer Brücke zwischen meinem Glauben und meinem Leben. Gerade in den dunkelsten Momenten meines Lebens, als ich mit meiner Identität und der Welt ringen musste, waren diese Worte wie ein Anker.
Natürlich prägte auch mein Misstrauen gegenüber der katholischen Kirche diese Zeit stark. Aussagen von Vertretern, wie die von Kardinal Meissner, hinterließen tiefe Wunden. Solche Sätze verdeutlichten mir, dass diese Institution keine Heimat für mich sein konnte. Es war dieses Gefühl der Ausgrenzung, das mich schließlich dazu brachte, neue Wege zu suchen. Wege, die mich zu einer Kirche führten, die mir das Gefühl gab, Mensch zu sein, ohne Verurteilung oder Vorbehalte.
Aber nicht jede Begegnung auf meinem Weg war stärkend. Ein Beispiel bleibt mir bis heute in Erinnerung: Eine Kollegin, die sich anfangs rührend um mich kümmern wollte, legte mir innerhalb der ersten Tage eine Broschüre auf den Tisch. Der Titel lautete: „Homosexualität ist durch intensives Beten heilbar.“ Sie meinte gutmütig: „Was bei denen hilft, hilft bei dir vielleicht auch.“ Für mich war das jedoch ein schmerzhafter Moment. Ich spürte tief in mir, dass Gott mich so akzeptierte, wie ich bin. Doch ich kenne auch Menschen, die lange versuchten, solche Ansichten zu befolgen und sich an diese vermeintlichen Heilungsversprechen klammerten. Es verdeutlicht auch, wie wichtig es ist, dass Kirche nicht nur ein Ort der Gebete, sondern auch der Annahme ist.
Es gab Zeiten, in denen ich mich fragte, ob ich weitermachen sollte. Ich war einmal an dem Punkt, an dem ich dachte, einfach aufzugeben. Doch die Erinnerung daran, dass Gott in meiner dunkelsten Stunde bei mir ist, hat mich gerettet. Es war, als ob Gott selbst sagte: „Gib nicht auf. Es gibt einen Plan für dich.“ Dieses Vertrauen trage ich bis heute.
Als ich in die evangelische Kirche wechselte, stellte sich die Frage: Muss ich neu getauft werden? Kennt Gott meinen neuen Namen oder brauche ich, wie beim Amtsgericht, einen Namensänderungsantrag bei Gott? Die Antwort war beruhigend: Nein, Gott kennt mich. Ob mit männlichem oder weiblichem Namen – er kennt und ruft mich. Dieser Moment, als ich mit Segen in die Kirche aufgenommen wurde, war eine Bestätigung, dass mein Weg in diesem Glauben richtig ist.
Ankommen in einer Kirche, die mich akzeptiert
Ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt, ist, wie Kirche mit Vielfalt umgeht. Wenn ich Stellenausschreibungen lese, in denen MWD – männlich, weiblich, divers – angegeben ist, stelle ich oft provokante Fragen: „Was macht ihr, wenn jemand kommt, der divers angibt? Wie geht ihr mit der Person um? Wie sprecht ihr sie an? Welche Fragen stellt ihr?“ Diese Fragen sind nicht nur für die Kirche relevant, sondern auch für jede Institution, die Vielfalt wirklich leben möchte. Es reicht nicht, Diversität in Ausschreibungen zu erwähnen – sie muss auch im Umgang spürbar werden.
Viele Gemeinden haben mich auf meinem Weg prüfend angesehen, mich als Fremde wahrgenommen. „Als Mensch ernst genommen werden,“ das war für mich lange keine Selbstverständlichkeit. Erst eine Gemeinde, die mich nicht nach Schubladen fragte, sondern einfach zu mir sagte: „Schön, dass Sie da sind,“ gab mir das Gefühl von Zugehörigkeit. Und genau dieses Gefühl möchte ich weitertragen: Fremde willkommen heißen, ohne zu bewerten.
Die Suche nach einer solchen Gemeinde war jedoch alles andere als einfach. Meine Frau und ich besuchten zwischen fünf und zehn verschiedene Kirchen. In manchen wurden wir ignoriert, in anderen misstrauisch beäugt. Einmal wurden wir gefragt, ob wir „wirklich“ zusammengehörten, da wir nicht „typisch“ wirkten. Solche Momente waren schwer zu ertragen, denn sie verdeutlichten, wie tief Vorurteile verankert sein können. Doch ich tröstete mich mit dem Gedanken: „Du kannst die Leute nicht zwingen, dich zu lieben, aber du solltest erwarten können, dass sie dich respektieren, dass sie dich menschenwürdig behandeln.“ Schließlich fanden wir eine Gemeinde, in der wir spürten: „Hier können wir ankommen.“ Diese Suche war geprägt von Geduld und auch Frustration, aber die Belohnung war eine Gemeinschaft, die uns akzeptierte, wie wir sind.
Besonders eindrücklich war auch die Erfahrung, als ich bei einem Gottesdienst gefragt wurde, ob ich Fürbitten schreiben und vortragen möchte. Es war eine Aufgabe, die nicht nur Vertrauen zeigte, sondern mich auch ermutigte, meine Stimme einzusetzen. Diese kleinen Gesten der Wertschätzung machen für mich den Unterschied, wenn es darum geht, Kirche neu zu denken.
Willkommen sein: Der Kern einer lebendigen Kirche
Die Kirche kann ein Ort der Gemeinschaft sein, der Orientierung gibt. Es braucht keine erhobenen Zeigefinger, sondern einladende Arme. Kirche muss sich bewegen, sich öffnen – nicht darauf warten, dass Menschen zu ihr kommen, sondern zu den Menschen gehen. Es geht nicht um „die da drin“ gegen „die da draußen“, sondern um das gemeinsame Erleben von Glauben im Alltag. Das Lied „Eingeladen zum Fest des Glaubens“ verdeutlicht das für mich. Es ist ein Aufruf, die Kirche hinauszutragen. Weg von verstaubten Räumen hin zu Lagerfeuern und Stadtfesten, zu Tauffesten am Badesee, Gottesdiensten auf dem Mittelaltermarkt. Kirche darf sich nicht hinter Mauern verstecken, sondern muss sich bewegen. Nur so kann sie lebendig bleiben.
Wenn ich auf meinen Weg zurückblicke, sehe ich nicht nur die Hürden, sondern auch die Brücken, die mir gebaut wurden. Jede Begegnung, jedes mutige Wort hat dazu beigetragen, dass ich heute hier bin. Es ist diese Erfahrung, die ich weitergeben möchte: Habt Mut, ihr selbst zu sein, denn das ist, was Gott sich wünscht.
Das bedeutet ganz einfach und direkt: zuerst einfach mal da sein und den Menschen wohlwollend willkommen heißen. Und danach dann gucken, Fragen stellen. Das bedeutet, das Vorsortieren und Einordnen in Karteikästen, was wir ja ganz oft machen, einfach mal hintenanstellen. Es sollte erst mal eine Kiste geben, da steht drauf: Mensch. Und da kommen alle rein. Dazu gehört auch, dass man aneinander Interesse hat. Dass man Fremde begrüßt und willkommen heißt. Dass man nachfragt und auch wirklich wissen möchte: „Wie geht es dir, was ist gerade los mit dir?“
Für mich ist es wichtig, dass wir die Vorbehalte und Angst voreinander abbauen. Eine wichtige Botschaft an alle wäre also: „Fürchte dich nicht vor der Kirche, die Kirche kann total nett und entspannt und schön sein“. Und aber eben auch: „Fürchte dich nicht, wenn da ein schwules Pärchen oder ein lesbisches Pärchen auftaucht, fürchte dich auch nicht, wenn eine transgender oder eine Non-Binär-Person auftaucht. Wenn du sie vernünftig, respektvoll ansprichst und fragst, kriegst du im Normalfall auch eine vernünftige Antwort.“ Man kann Menschen nicht zwingen, einen zu lieben, aber man sollte erwarten können, dass sie einen respektvoll und menschenwürdig behandeln. Dass man ernst genommen wird und vernünftig behandelt wird. Das sollte man eigentlich erwarten. Aber das habe ich nicht immer so erlebt.
Mein Weg in der Kirche war ein Weg von Distanz zu Nähe, von Misstrauen zu Vertrauen. Heute bin ich Genderbeauftragte in meinem Kirchenkreis und sehe meine Aufgabe darin, diesen Weg auch anderen zu ebnen. Die Kirche hat das Potenzial, ein Ort der Hoffnung und Stärkung zu sein – für alle, die sich danach sehnen. Lasst uns dieses Potenzial gemeinsam entfalten. Mit Mut, Offenheit und dem Glauben daran, dass Gott uns so annimmt, wie wir sind, können wir eine lebendige Kirche bauen.
- Interview Dagmar Kohnen 0.47 MB