„Laut der Bibel lande ich sowieso in der Hölle“
Mein Weg zurück zur Kirche
Ich bin Kyle Wittmann und ich bin jetzt seit knapp anderthalb Jahren Jugendleiter im Jugendhaus in Hamminkeln, in Brünen. Mit 16 Jahren habe ich einen Satz oft gesagt: „Laut der Bibel lande ich sowieso in der Hölle, denn alles, was so laut Kirche richtig ist, bin ich nicht.“ Ich bin trans und bisexuell, während meiner Jugend schien mir das mit den traditionellen Vorstellungen von Kirche unvereinbar. Die katholische Kirche, in der ich aufgewachsen bin, schien wenig Raum für Menschen wie mich zu lassen. Besonders einschneidend war meine Kommunion: Ein Kleid zu tragen, war für mich eine Qual. Meine Tante und mein Pate suchten mit mir Stunden nach einem passenden Kleid, aber ich wollte einfach nur weg. Am Tag der Kommunion saß ich unwohl zwischen meinen Freunden, die sich alle in schicken Kleidern oder Anzügen präsentierten. Ich hingegen fühlte mich fremd in meiner Haut. Später, beim Nachtreffen, erschienen die anderen Kinder erneut in ihrer schicken Kommunionskleidung. Ich kam in normaler Alltagskleidung und einer Regenjacke – vielleicht ein erstes, leises Aufbegehren gegen das Gefühl, gezwungen zu werden, jemand zu sein, der ich nicht bin. Die Kirche wurde für mich ein Ort, der mich nicht akzeptierte. Und bevor ich die Ausbildung gemacht habe, habe ich mich auch eher von der Kirche distanziert.
Glaube ja, Kirche nein: Zwischen Spiritualität und Kirche
Nach der Kommunion distanzierte ich mich. Gottesdienste am Sonntag wurden freiwillig, und ich war dankbar, dass meine Eltern meine Gefühle respektierten, obwohl ihnen selbst der sonntägliche Gottesdienst wichtig war und ich schon eher christlich-kirchlich aufgewachsen war. In meiner Jugend war Kirche dann kein Thema mehr. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich da nicht hineinpasse, dass man mich da so, wie ich bin, nicht will, dass ich dort nicht willkommen bin. Für mich galt: Glaube ja, Kirche nein. Aber dennoch war ich durchgehend gläubig und habe auch immer gesagt, ich glaube an einen Gott. Also spirituell war ich dann doch durchgehend. Bin auch regelmäßig zum Friedhof gegangen, einfach, weil ich da auch eine Verbundenheit gesehen habe, und habe auch in gewissen Momenten immer mal wieder auch gebetet. Das war dann schon, dass meine Zuflucht dann doch auch Gott war. Aber nicht die Kirche.
Ein Wendepunkt kam Jahre später durch meine berufliche Ausbildung. Ich begann, in einem evangelischen Jugendhaus zu arbeiten. Anfangs war mir die Trägerschaft egal – ich wollte einfach im offenen Jugendbereich arbeiten und ich habe mir gedacht: Schauen wir mal, inwieweit ich da auch wirklich mit der Kirche zu tun habe. Doch ich merkte schnell: Hier war alles anders, als ich es von meiner katholischen Vergangenheit gewohnt war. Mein queerer Hintergrund spielte keine Rolle, meine Identität wurde nicht infrage gestellt, es hat keine Gewichtung erstmal. Es war befreiend, einfach da sein zu dürfen, ohne mich erklären zu müssen. Auch, weil ich schon die ganzen Hormone und Operationen hinter mir hatte, und die Namensänderung durch war. Und ich zum Glück auch schon so gestärkt war, dass ich gar nicht gedacht habe, dass es vielleicht ein Thema sein könnte. Dieses so schöne „Unerkanntsein“, das ist so das, was man sich ja eigentlich wünscht, dass man einfach sein Leben leben kann, ohne dass das immer wieder zum Thema gemacht wird.
Diese Erfahrungen öffneten mir eine neue Sichtweise auf Kirche. Besonders berührend war, dass ich in der Arbeit mit den Jugendlichen eine besondere Ehrlichkeit erlebte – nicht nur von ihrer Seite, sondern auch von meiner eigenen. Und: Gerade in der Arbeit mit Jugendlichen finde ich es schön, dass bei den Jugendlichen deutlich wird: Das sind Jugendhäuser, die einen christlichen Träger haben und da arbeiten Menschen, die queer sind – und das ist auch völlig selbstverständlich. Das zeigt, dass es einerseits gar kein Tabu ist und andererseits auch nicht so gelabelt wird und gesagt wird: „Guck mal, was wir hier alles haben“. Sondern es ist einfach völlig normal.
„Du passt zu uns“ – Als Mensch gesehen
Die Ausbildung brachte viele positive Erfahrungen. Besonders prägend war ein Gespräch mit meinem Anleiter, der bis dahin nichts von meinem Hintergrund wusste. Während der Vorbereitung auf ein Vorstellungsgespräch sprach er mich auf meine Haltung an. Ich saß total mit den Schultern nach vorne gekrümmt. Diese Haltung ist eben dadurch gekommen, dass ich mir in meiner Jugend jahrelang die Brust abgebunden habe und dadurch versteckt habe. Und trotz Sport und positiver Selbstwahrnehmung kommt das in unsicheren Momenten einfach immer mal wieder, das ist so ein unbewusster Mechanismus. Aber er hat direkt gemerkt, dass da noch was anderes hinter dieser Haltung steckt. Und da habe ich dann mich quasi geoutet und ihm erzählt, woher das kam. Und dann hat er gesagt, da würde er sich gerne nochmal drüber unterhalten.
Er lud mich zu einem weiteren Gespräch ein, das ich als sehr beeindruckend in Erinnerung habe. Er stellte ein paar Fragen, die für ihn wichtig waren, um mich besser zu verstehen, hat ganz offen gefragt, was ich eigentlich ganz cool fand, und wir tauschten uns intensiv aus. Und das war auch befreiend, weil es nicht so einen Rattenschwanz mit sich gezogen hat, dass man dann, zum Beispiel im Kirchenkreis immer wieder angesprochen wird. Und das ist eben auch was ganz Schönes, denn ich kann einfach meinen Job und mein Leben leben und an den richtigen Stellen auch einfach meinen Beitrag leisten, ohne mit einer Regenbogenflagge durch meine Arbeit zu gehen. Ich mach einfach mein Ding. Und wenn Queerness zum Thema wird, dann weiß ich, hier kann ich meinen Beitrag leisten.
Wenn man einfach leben möchte, wie man ist, dann muss man sich auch gar nicht gezwungen fühlen, überall zu zeigen, dass man queer ist. Wir entscheiden selbst, wann wir etwas darüber erzählen wollen. Wir können entscheiden, wie wir damit umgehen. Ich kenne viele transMenschen, die haben sich selbst irgendwie so den Druck gemacht, damit in die Öffentlichkeit zu gehen, um das zu erklären. Ich finde aber, das ist falsch, weil wir nicht dafür verantwortlich sind, dass andere sich da weiterbilden. Es ist gut, wenn wir positive, starke Menschen haben, die darüber erzählen und die aufklären. Aber nicht jeder muss in die Öffentlichkeit gehen und aufklären.
Ich definiere mich nicht über meine Transsexualität. Das ist ein Teil von mir. Aber ich bin genauso gut Jugendleiter, genauso gut Partner, genauso gut Sohn, genauso gut Sportler oder Musiker. Ich bin mehr als nur diese eine Sache. Das ist ein Teil von mir und gehört auch dazu. Aber es läuft so nebenbei. Es ist ein unglaublich schönes Gefühl, wenn die Queerness ein Nebenbei ist und nicht das Hauptthema meines Lebens.
Auch mit den Jugendlichen habe ich gute Erfahrungen gemacht. Auf Freizeiten wurde ich von einigen Jugendlichen neugierig, aber respektvoll zu meiner Identität befragt. In einem Sommer saßen wir am Strand, und sie fragten mich vorsichtig nach meinen Narben. Diese Momente boten Raum für Aufklärung und ehrliche Gespräche. Nach ein paar Tagen war es kein Thema mehr – wir gingen einfach wieder zum Alltag über. Ein Jugendlicher brachte es auf den Punkt, als er nachdenklich sagte: „Ehrlich gesagt, hätte ich nie gedacht, dass so etwas bei dir eine Rolle spielt.“ Für ihn war ich einfach sein Jugendleiter, der ihn unterstützte und begleitete. Diese Worte haben mich bestärkt, weil sie zeigen, dass es nicht immer um die Vergangenheit gehen muss, sondern darum, wie wir im Hier und Jetzt miteinander umgehen.
Es gab auch Momente, die mich auf eine andere Weise berührten. Einmal, während einer Gruppenstunde, erzählte ein Jugendlicher von seinen eigenen Unsicherheiten, und ich konnte ihm ehrlich sagen: „Ich verstehe, wie du dich fühlst.“ Diese Verbindung war nicht nur wichtig für ihn, sondern auch für mich. Es machte mir klar, dass ich nicht nur Mentor war, sondern auch Lernender – jemand, der durch den Austausch mit anderen wächst.
Ein weiteres Highlight war, dass ich nach meiner Ausbildung erneut als Jugendleiter eingeladen wurde. Mein Anleiter sagte einfach: „Du passt zu uns.“ Diese Wertschätzung, ohne dass meine Queerness ständig hervorgehoben wurde, hat mich bestärkt. Es war diese Mischung aus Professionalität und persönlicher Wärme, die mich überzeugte, dass ich am richtigen Ort war.
Was Kirche geben kann
Die evangelische Kirche hat mir überraschend viel Raum gegeben, einfach ich selbst zu sein. Ich durfte erleben, wie sich Kirche wandeln kann, wie sie Vielfalt nicht nur toleriert, sondern wirklich lebt. Besonders schätze ich, dass meine Queerness zwar akzeptiert, aber nicht überbetont wurde. Es ging nie darum, mich als Symbol für Offenheit darzustellen, sondern darum, mich als Mensch mit all meinen Facetten anzunehmen.
Was für mich ebenfalls wichtig war: Die Kirche hat mir nicht das Gefühl gegeben, etwas beweisen zu müssen. Ich musste keine Regenbogenflagge schwenken, um willkommen zu sein. Stattdessen konnte ich einfach mein Leben leben und an den richtigen Stellen einen Beitrag leisten. Besonders in meiner Arbeit mit den Jugendlichen schätze ich diese Freiheit: Gemeinsam schaffen wir einen Raum, in dem jede*r so sein kann, wie er oder sie ist.
Das hätte ich mir vor zehn Jahren übrigens nicht vorstellen können. Und das können sich auch viele Freunde von mir gar nicht so vorstellen. Oft wird auch immer gefragt, wie kann es eigentlich sein, dass du da so hinter stehst, eigentlich sind die doch total gegen dich. Und dann kann ich nur sagen, „Nee, das ist überhaupt nicht so. Die evangelische Kirche ist gerade in so einem tollen Wandel.“ Ich fühle mich da manchmal besser aufgehoben als damals in meiner Klasse.
Mein Wunsch für die Zukunft
Was wünsche ich mir für die Kirche? Mehr von diesem „Weniger ist mehr“. Es braucht keine ständige Betonung von Offenheit, keine ständigen Statements oder Regenbogenflaggen – vielmehr eine selbstverständliche Haltung, dass alle willkommen sind. Gleichzeitig wäre es schön, wenn traditionelle Werte und biblische Geschichten noch mehr Raum für Vielfalt bieten könnten. Eine Bibel, die alle Menschen gleichermaßen anspricht, würde viel bewirken.
Auch wäre es hilfreich, wenn kirchliche Veranstaltungen noch inklusiver gestaltet würden. Beispielsweise könnten in Predigten und Gebeten mehr diverse Lebensrealitäten sichtbar gemacht werden. Das würde helfen, das Gefühl zu vermitteln: Du bist hier richtig, genau so, wie du bist.
Ich erinnere mich an einen Gottesdienst, in dem ich zum ersten Mal das Gefühl hatte: Hier bin ich wirklich gemeint. Dabei lag gar kein besonderer Fokus auf Queerness, aber es war eine Predigt, die von Annahme und Gemeinschaft sprach. Solche Momente bleiben. Gleichzeitig wäre es wünschenswert, wenn diese Momente häufiger Teil des kirchlichen Alltags würden und nicht nur seltene Ausnahmen blieben.
Mein Weg und ein Blick nach vorn
Als Jugendleiter ist es mir wichtig, Raum für Gespräche und Fragen zu schaffen – über Identität, Glauben und das Leben allgemein. Ich hoffe, dass meine Erfahrungen Mut machen: Kirche kann ein Ort der Annahme und Stärkung sein, wenn sie Vielfalt nicht als Herausforderung, sondern als Bereicherung begreift. Und ich bin froh, Teil davon zu sein. Gleichzeitig freue ich mich auf die Zukunft – eine Zukunft, in der Kirche noch vielfältiger, noch mutiger und noch menschlicher wird. Und Queerness so normal ist, dass man daraus gar kein Thema macht.
- Interview Kyle Wittmann 0.39 MB