„Ich bin ein Geschöpf Gottes, ebenbildlich gemacht.“
Sichtbarkeit nutzen, um anderen Menschen Mut zu machen
Ich bin Dorothea Ugi, Pfarrerin in Köln-Nippes, meine Pronomen sind sie/ihr. Ich freue mich, dass ich Verantwortung sowohl in meiner Gemeinde als auch im Diversity-Projekt leben kann. Und ich so hoffentlich Kirche auch auf struktureller Ebene mitgestalten und mitverändern kann.
Aufgewachsen bin ich im Badischen, genauer gesagt in einer konservativen, freikirchlich geprägten Gemeinschaft. Es war eine Welt voller festgelegter Regeln. Ich spürte früh, dass diese Strukturen mir nicht guttaten. Mit Anfang 20 entschied ich mich, diese Gemeinschaft zu verlassen und Theologie zu studieren – etwas, das übrigens von meiner Herkunftsgemeinde eher skeptisch betrachtet wird. Rückblickend war das eine rebellische Entscheidung – ein Bruch mit dem, was von mir erwartet wurde. Gleichzeitig war es ein Schritt zu mir selbst.
Eine neue Offenheit
Mein Studium an der Universität öffnete mir neue Horizonte. Ich konnte mich kritisch mit den Themen auseinandersetzen, die mein Weltbild zuvor bestimmt hatten. Es war eine Zeit des Hinterfragens und Neuordnens. Dabei trat ich zunächst bewusst einen Schritt zurück von der Kirche, um Freiraum für eigene Gedanken und Gefühle zu schaffen. Während meiner Promotionszeit hat sich das alles noch einmal verändert, und ich habe gemerkt, dass da wieder so eine Offenheit ist, und eine Sehnsucht nach einem Ort, auch für meine Spiritualität. Ich habe immer mehr Interesse an Seelsorge entwickelt. So habe ich mich wieder an Kirche angenähert und mich schließlich für Kirche als beruflichen Weg entschieden, weil ich auch Lust hatte, Menschen zu begleiten.
In meiner Kindheit und Jugend war ich geprägt von festen Glaubenssätzen, die vieles bestimmten: wie man betet, sich verhält, sein Leben lebt und wie man Gott sieht. Mein Gottesbild war so festgelegt, dass es kaum Raum für Interpretation ließ. Das tat mir nicht gut. Im Studium durfte ich Fragen stellen und einen Teil meiner Weltsicht auch dekonstruieren. So ist Raum entstanden für Neues. Es war ein schwieriger, aber notwendiger Prozess, bei dem ich mir neue Perspektiven und ein neues Verständnis von der Welt und von Gott erarbeitete. Erstmal auch nur für mich allein.
Mit der Zeit habe ich gelernt, dass Glauben nichts Statisches ist, sondern etwas, das sich verändert und wachsen darf. Öffnung und Offenheit sind hier für mich ganz wichtige Themen: Ich glaube, mit der Veränderung meines persönlichen Glaubenswegs, aber auch mit der Entdeckung meines Queerseins, hat sich das alles sehr geöffnet. Dass ich ich selbst sein darf und entdecken darf, wer ich bin und wie ich sein möchte und wie ich lieben und leben will. Und ebenso wie in meinem Glauben ist es auch Teil von Queersein, dass es nicht den einen richtigen Weg für ein gutes Leben gibt, sondern dass es nur meinen richtigen Weg gibt. Und dass eben keine gesellschaftliche Norm mir erzählen kann, was mir in meinem Leben gut tut. Diese Offenheit spiegelt sich heute in meinem Gottesbild wider: Gott ist für mich keine starre, festgelegte Instanz, sondern etwas Unbegreifliches, was wir umrunden können und was sich aus allen Perspektiven irgendwie anders darstellt. Gott ist erlebbar, aber nicht zu greifen. Und darin ist Gott groß.
Auf meinem Weg mit meinem Queersein haben mir dann zwei Bilder besonders geholfen. Zum einen die Vorstellung der Ebenbildlichkeit Gottes: Ich bin ein Geschöpf Gottes, ebenbildlich gemacht. Das ist nichts, was ich mir ausgesucht habe, sondern etwas, das mir mitgegeben wurde, ein Kern meiner Existenz. Zum anderen ein Gefühl von Geborgenheit: Ich sehe mich an einem Sommertag im Gras liegen, eins mit dem, was mich umgibt, und fühle mich vollständig angenommen und einfach nur da. Diese Bilder begleiten mich und stärken mich in meinem Glauben und in meinem Queersein gleichermaßen. Es ist ein großes Geschenk, zu erleben, dass ich als ich selbst, mit all meinen Facetten, lieben und leben darf. Diese Freiheit, meinen eigenen Weg zu finden, ist für mich untrennbar mit meinem Queersein und meinem Glauben verbunden.
Räume der Begegnung und Barrieren der Akzeptanz
In der Kirche habe ich sowohl Unterstützung als auch Widerstände erfahren. Erstmal war für mich eine wichtige Erfahrung, in der rheinischen Landeskirche zu hören, dass ich mit meinem Queersein da sein darf und dass das kein Problem ist. Eine besonders schöne Begegnung hatte ich während meines Vikariats: Ein heterosexuelles Ehepaar schrieb mir während der Pandemie eine Nachricht, in der sie ausdrückten, wie sehr sie sich über meine Anwesenheit freuten – nicht nur, weil ich als queere Person dazugehöre, sondern weil das auch für sie bestätigte, am richtigen Ort zu sein. Das hat mich sehr berührt, weil das wiederum mir gezeigt hat, dass ich am richtigen Ort war.
Doch es gibt auch Schattenseiten. Ich bin dankbar und froh, dass mir bisher, im Gegensatz zu anderen, keine großen, schlimmen Dinge in meinem Beruf widerfahren sind. Da gibt es andere Kolleg*innen, die zum Beispiel von Hass im Netz betroffen sind. Wenn queere Menschen in Kirche angegriffen werden, weiß ich, dass ich und alle anderen queeren Menschen mitgemeint sind. Die Queere Kirche hatte mit viel Aufwand Regenbogenfahnen an Säulen angebracht. In der Nacht wurden diese Fahnen heruntergerissen. Es war ein schmerzhafter Moment, der deutlich machte, wie viel Widerstand gegen Vielfalt noch existiert. Gleichzeitig hat dieses Ereignis meine Überzeugung bestärkt, dass es unerlässlich ist, sichtbar zu sein und für diese Werte einzustehen.
Hetero- und Cis-Normativität begegnen mir sehr oft und in verschiedenen Formen. Dazu zählen oft beiläufige Kommentare oder Reaktionen.
Manchmal wird mein Hinweis auf meine Pronomen mit einem Lächeln oder einer Bemerkung ins Lächerliche gezogen. Da gibt es abfällige Kommentare über die queere Szene, zum Beispiel über schwule Männer, die „ja okay sind, aber bitte nicht so bunt und öffentlich“ auftreten sollten. Solche Reaktionen transportieren die Botschaft, dass das Abweichen von der heterosexuellen oder cis-geschlechtlichen Norm als unpassend oder störend empfunden wird. Diese kleinen Nadelstiche zeigen, wie tief solche Denkmuster in der Gesellschaft und auch in der Kirche verwurzelt sind. Es sind genau diese alltäglichen Momente, die verdeutlichen, wie wichtig es ist, diese Themen offen anzusprechen und aktiv für eine Veränderung dieser Denkmuster einzutreten.
Eine weitere Herausforderung erlebe ich in kirchenspezifischen Kontexten, wie Vorstellungsrunden. Dort wird oft ganz selbstverständlich gesagt, mit wem jemand gegen-geschlechtlich verheiratet ist und wie viele Kinder er oder sie hat. Es ist nicht Heterosexualität, die mich stört, sondern die Tatsache, dass sie, so inszeniert und für selbstverständlich gehalten, anderen den Raum nimmt, sich zu zeigen.
Gleichzeitig nehme ich in meiner Seelsorge wahr, dass Menschen es schätzen, dass ich sichtbar queer bin und öffentlich dazu stehe. Für manche ist es das erste Mal, dass sie eine kirchliche Ansprechperson erleben, die queere Identität nicht nur toleriert, sondern aktiv anerkennt und ermutigt. Ich begleite Menschen, die sich gezielt an mich gewandt haben, weil sie wussten, dass ich offen queer bin. Ihnen tut es gut, in einem sicheren Raum über ihre Erfahrungen sprechen zu können und dabei weder ihre Identität noch ihre Religiosität verstecken oder erklären zu müssen. Es ist mir ein Anliegen, dass Menschen erleben können, dass ihr Queersein und ihre Religiosität nicht nur zusammengehören dürfen, sondern sich gegenseitig bereichern können. Solche Begegnungen verdeutlichen mir, wie wichtig es ist, dass es Ansprechpersonen gibt für diejenigen, die diese Art der Offenheit bisher vermisst haben.
Die Bedeutung von Vorbildern und Angeboten
Wenn ich an meine Kindheit und Jugend zurückdenke, fällt mir auf, dass ich kaum Vorbilder hatte. Queere Menschen tauchten in Serien oder Soaps auf, aber nicht in meinem Leben. Das Fehlen von Vorbildern hinterließ ein Gefühl von Isolation und Unsicherheit. Irgendwann habe ich mich bewusst entschieden: Ich will sichtbar sein. Diese Entscheidung war nicht nur ein persönlicher Schritt, sondern auch eine berufliche Verantwortung, die ich als Pfarrerin bewusst trage. Sichtbarkeit bedeutet für mich, anderen Mut zu machen und zu zeigen, dass Glauben und queere Identität zusammengehören können. Es ist auch eine Möglichkeit, Räume für die zu öffnen, die bisher keinen Platz in der Kirche gefunden haben. Denn für mich hätte es einen Unterschied gemacht, hätte ich Menschen gekannt, die offen mit ihrer Sexualität und ihrer Identität umgehen. Pfarrerin zu sein ist eine machtvolle Position, in der man gesehen wird. Ich möchte diese Sichtbarkeit nutzen, um anderen Menschen Mut zu machen, die vielleicht noch nicht die Freiheit gefunden haben, sich selbst zu entfalten und zu entwickeln.
Einer der intensivsten und berührendsten Momente war ein queerer Gottesdienst auf dem Kirchentag in Berlin für mich. Es war das erste Mal, dass ich an einem solchen Gottesdienst teilnahm, und ich erinnere mich daran, dass ich eher zufällig hineingestolpert bin. Dieser Moment, in dem ich spürte, dass ich als religiöse und als queere Person vollständig akzeptiert bin, dass ich einen Ort bekomme, gehört zu den intensivsten Erfahrungen meines Lebens. Es war ein Moment, in dem beides zusammenfand: mein Queersein und mein religiöses Sein. Solche Erfahrungen zeigen mir, dass Kirche ein Ort sein kann, an dem ich mich vollständig angenommen fühle.
Kirche muss in Bewegung bleiben
Kirche ist an vielen Stellen wenig vielfältig, vor allem in den Spitzenpositionen. Und wenn sie sich verändert, sollte Kirche nicht von oben vorgeben, wie Veränderung aussehen muss, sondern gemeinsam mit den Menschen vor Ort gestalten – zuhören und Räume und Ressourcen für das zur Verfügung stellen, was sie bewegt, was sie brauchen und wonach sie sich sehnen. Wir sollten fragen und Raum dafür geben, wie die Menschen ihre Spiritualität gestalten und feiern wollen. Denn für viele ist Kirche keine spirituelle Heimat mehr. Leider ist Kirche oft noch zu sehr darauf bedacht, Dinge so zu machen, wie sie schon immer waren. Es reicht nicht aus, offen zu sein, denn diese Offenheit allein scheint nicht zu funktionieren. Hätten wir echte Offenheit, wäre die Kirche deutlich vielfältiger. Stattdessen braucht es konkrete und mutige Schritte, um Vielfalt aktiv zu fördern und Diskriminierung – sei es Queerfeindlichkeit, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Ableismus und andere – entschieden zu bekämpfen. Eine passiv offene Kirche, die nur einlädt, reicht nicht aus. Es braucht konkrete und aktive Veränderungen. Die Kirche muss sich aus ihrer Komfortzone bewegen und sich nicht nur selbst verändern, sondern auch Räume und Macht teilen mit denen, die bisher ausgeschlossen waren.
Trotzdem sehe ich Kirche als einen Raum mit großem Potenzial. Es wäre mir zum Beispiel ein Anliegen, wenn es in der Kirche flächendeckend queersensible Seelsorgeangebote gäbe und wenn Pfarrpersonen und andere Mitarbeitende in der Kirche regelmäßig Schulungen zu Diskriminierung und Awareness erhielten.
Als Pfarrerin möchte ich Verantwortung übernehmen und einen Teil zu einer diverseren Kirche beitragen.
- Interview Dorothea Ugi 0.56 MB